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Nach dem Blick in den Maschinenraum der WM-Produktion schieben wir jetzt die gestalterische Seite nach. Denn SVG-Chefredakteur Ken Kerschbaumer hat sich kurz vor dem Anpfiff nochmal ausführlich mit FIFA-Produktionschef Oscar Sanchez und HBS-Senior-Producer Paul King zusammengesetzt, und das Gespräch beantwortet die Fragen, die uns als Gewerk eigentlich am meisten interessieren: Wer führt da eigentlich Regie? Wie hält man 104 Spiele konsistent, ohne den Regisseuren ihre Handschrift zu nehmen? Und was macht es mit einem Menschen, an einem Mischer mit 50 Quellen zu sitzen, während eine Milliarde Leute zuschauen?

Schluss mit der Euro-Zentrik
Fangen wir mit der Personalfrage an, denn da hat sich etwas Grundsätzliches verschoben. Historisch war die WM-Host-Produktion stark europäisch besetzt, aus nachvollziehbaren Gründen, wie Sanchez einräumt: ein eingespieltes Feld von Top-Profis. Diesmal hat sich die FIFA bewusst geöffnet und Talente aus Südamerika, den USA und anderen Regionen in die Teams geholt. Sanchez' Begründung ist entwaffnend: "Niemand kann behaupten, dass ein Land, das Weltmeister ist, wie Argentinien, Fußball nicht lebt und atmet."

Interessant auch, dass das Venue-Modell intern keineswegs unumstritten war. Es gab die Debatte, ob nicht weniger, reisende Crews der Konsistenz dienen würden. Am Ende gewann das Standort-Prinzip mit einem sehr pragmatischen Argument: Es garantiert, dass am Spieltag eine Crew vor Ort ist und nicht irgendwo am Flughafen feststeckt. Wer schon mal mit einer gestrandeten Crew einen Sendetermin gerissen hat, nickt an dieser Stelle wissend.

Wichtig für die Chemie am Set: Die Regisseure bringen ihre eingespielten Kernteams mit, Bildmischer, Production Assistants, Producer und Replay-Operatoren, ergänzt um lokale Profis aus den USA, Mexiko und Kanada, die so schnell wie möglich in die HBS-Produktionsweise integriert werden. King vergleicht das treffend mit den Teams auf dem Rasen: Die besten Einheiten arbeiten eng zusammen, trainieren zusammen, leben zusammen.

50 Quellen, eine Milliarde Zuschauer
Das stärkste Zitat des Interviews gehört Sanchez, und es verdient ein eigenes Kapitel, weil es etwas ausspricht, das in Technik-Diskussionen gern untergeht. "Wenn du als Regisseur jede oder jede zweite Woche mit 10 bis 14 Kameras arbeitest, wirst du sicher. Aber dann gehst du zu einer FIFA-WM, wo ein durchschnittliches Spiel 300 Millionen Menschen erreicht, je nach Turnierphase bis zu einer Milliarde, mit einem Kameraplan von 50 Kameras und dem Druck, nicht nur das Live-Signal, sondern alle Zusatz-Services zu liefern. Da geht es über technisches Wissen hinaus. Ich glaube, kaum jemand versteht, nicht einmal wir selbst, was es bedeutet, an einem Bildmischer mit 50 Quellen zu sitzen, bei einem Spiel, das die ganze Welt schaut."

Mental nimmt das die Leute mit, sagt Sanchez wörtlich. Dass ein FIFA-Produktionschef die psychische Belastung seiner Regisseure öffentlich anspricht, ist bemerkenswert, und überfällig. Wir reden in der Branche viel über Sensoren und Codecs, und viel zu selten darüber, was Verantwortung dieser Größenordnung mit den Menschen am Pult macht.

Kleine Fußnote zur Zahl: Im März war noch von 45 Kameras pro Spiel die Rede, Sanchez spricht jetzt von einem 50er-Kameraplan. Die Differenz dürfte in den Spezialsystemen liegen, zumal für die K.o.-Phase zusätzliche Ultra-Motion- und Super-Slomo-Kameras dazukommen und die Player-Cams zurückkehren, also isolierte Feeds auf je einen Spieler pro Mannschaft.

Regie ist Kultur: der Trainer-Schnitt und die französischen Künstler
Jetzt zum Bildgestaltungs-Teil, der mir persönlich am besten gefällt. King beschreibt offen, wie unterschiedlich Fußball-Regie auf der Welt gedacht wird, und das ohne jede Wertung. In südamerikanischen Ländern ist nach einem Tor der erste Schnitt traditionell auf den Trainer, selbst wenn der gerade gar nichts tut, weil dort die Trainer unter Dauerdruck stehen und ihre Reaktion als eigene Storyline gilt. In Europa dagegen sind die Spieler die Stars, also bleibt das Bild zuerst bei ihnen. Und die französischen Regisseure, so King augenzwinkernd, gelten als die Künstler der Zunft, "oder halten sich dafür", mit Vorliebe für viele Replays und Ultra-Motion-Reaktionen.

Wie kriegt man daraus ein konsistentes Produkt über 104 Spiele? Mit Guidelines, vielen Meetings und einer Grundregel, die Sanchez so formuliert: "Live ist deine Priorität." Wer das verinnerlicht und den Wechsel von der heimischen Liga-Routine zur Host-Broadcast-Logik schafft, darf seinen eigenen Stil durchaus einbringen. Kings Versprechen: "Wir werden den Leuten nicht sagen, wie sie Regie führen sollen."

Für uns Kameraleute ist das eine schöne Bestätigung: Bildführung ist eben kein neutrales Handwerk, sondern kulturell geprägte Erzählung. Derselbe Treffer, dieselben 50 Kameras, und trotzdem entscheidet die Herkunft des Regisseurs mit darüber, wessen Gesicht die Welt zuerst sieht.

QC: die unsichtbare Instanz hinter 104 Spielen
Und wer passt auf, dass das alles zusammenhält? Die redaktionelle Qualitätskontrolle, die FIFA und HBS seit Beginn ihrer Zusammenarbeit 2002 betreiben. Zu jedem einzelnen Spiel entsteht ein Report, und nicht nur dazu: Auch sämtliche Multi-Feeds, der Trainingstag vor dem Spiel und die Pressekonferenzen werden einzeln geprüft. Sanchez nennt den QC-Raum seinen Lieblingsort im Turnier, den einzigen Platz, an dem man alle 104 Spiele mit allen Feeds sehen kann.

Spannend ist die Etikette dahinter: Die QC-Leute funken den Regisseuren nicht direkt ins Spiel, das würde sich, so King trocken, kein Regisseur gefallen lassen. Stattdessen läuft das Feedback über die 16 Koordinations-Produzenten, die eng mit den Regisseuren arbeiten. Und King räumt mit einem Missverständnis auf: QC sei kein Raum, in dem Leute kritische Berichte schreiben, sondern eine Support-Einheit für 16 Teams, die mit einer Vielzahl von Problemen gleichzeitig jonglieren.

Der Messi-iPhone-Moment
Zum Schluss die Anekdote, die unsere Dauerdiskussion der letzten Wochen wunderbar abrundet. King verrät, dass der meistheruntergeladene Shot der gesamten WM 2022 die Aufnahme von Messis Jubel war, gedreht nicht mit einer Broadcast-Kamera, sondern mit einem iPhone. Sein Kommentar: "Das ist sicher ein Augenöffner für diejenigen von uns, die sich dem Veteranen-Status in der Branche nähern." Genau deshalb stehen im Kameraplan 2026 neben den klassischen Broadcast-Positionen auch Cine-Style-Kameras, 360-Grad-Systeme und Digital-First-Geräte, weil Content heute auf so vielen Wegen konsumiert wird.

Ihr erinnert euch an unsere Osmo-Pocket-Debatte und die Frage, ob Smartphone-Klasse-Geräte im Profi-Umfeld etwas verloren haben? Hier ist die Antwort des größten Sportproduzenten der Welt: Der wertvollste Einzelshot der letzten WM kam aus einem Telefon. Nicht weil das iPhone die bessere Kamera wäre, sondern weil es im richtigen Moment am richtigen Ort war und der Look zur Plattform passte, auf der der Moment gelebt hat.

Das Werkzeug folgt der Geschichte, nicht umgekehrt. Schöner kann man es nicht zusammenfassen, und ab morgen Abend können wir alle live zuschauen, wie 16 Teams, 50 Quellen und ein paar Telefone gemeinsam Fernsehgeschichte produzieren.

Quelle: SVG-Interview von Ken Kerschbaumer mit Oscar Sanchez (FIFA) und Paul King (HBS), 7. Juni 2026.

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