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DJI Osmo Pocket 4 im EB-Alltag: Spielzeug für Influencer oder ernsthafte Zweitkamera?


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26-05-23 DJI Osmo Pocket 4.png

DJI hat am 16. April 2026 die vierte Generation seiner Osmo-Pocket-Reihe vorgestellt, und die Fachpresse bei film-tv-video.de bis hin zu den großen YouTube-Channels überschlägt sich mit Lob. Die Zielgruppe ist klar definiert: Vlogger, Solo-Shooter, Content Creator, all jene, die mit minimalem Aufwand maximale Bildqualität wollen. Nun zur eigentlich spannenden Frage, die kaum ein Test stellt: Hat dieses kleine Ding auch eine Berechtigung im klassischen EB-Berufsalltag, etwa als handliche Zweitkamera neben dem Schulter-Camcorder?

Was die Pocket 4 mitbringt
Die nüchterne Bestandsaufnahme: Ein 1-Zoll-CMOS-Sensor in Kombination mit f/2.0-Blende, ein Dynamikumfang von 14 Blenden (gegenüber 13,5 beim Vorgänger), echtes 10-Bit D-Log statt nur D-Log M und HLG, 4K-Auflösung bis 60 fps, Zeitlupe in 4K bis 240 fps. Dazu drei-Achsen-Gimbal-Stabilisierung, Active Track 7, ein 2-Zoll-Touchscreen mit 1000 Nit und ein interner Speicher von 107 GB plus MicroSD-Slot. 

Akku: bis zu 240 Minuten bei 1080/24p, schnelles Laden auf 80 Prozent in 18 Minuten. Im 4-Kanal-Audio-Modus lassen sich zusätzlich DJI-Mic-Sender direkt einbinden.

Der Preis ist das, was die Diskussion erst interessant macht: Standard-Combo 499 Euro, Kreativ-Combo mit DJI-Mic-3-Sender, Fülllicht, Weitwinkelobjektiv und Ministativ für 619 Euro, optionaler Akkugriff für 69 Euro und ein 3'er-Set magnetischer Grau-Filter (ND16, ND64 und ND256) für zusätzlich 59 Euro. Zur Einordnung: Für den Preis eines mittleren Sony-V-Mount-Akkus bekommst du hier eine komplette Kamera plus Funkstrecke.

Wo sie im EB-Alltag wirklich glänzen könnte
Drei Szenen aus dem Berufsalltag, in denen das Konzept aufgeht:

Enge Räume. Du sollst eine Reportage über eine Werkstatt drehen, in der ein Mechaniker unter einem Auto liegt. Mit dem Schulter-Camcorder kannst du die Perspektive vergessen, mit dem Smartphone bekommst du Wackelbilder, mit der Pocket 4 fährst du in stabilisierter Qualität durch das Motorraum-Innenleben. Ähnliche Szenarien: enge Gänge, Einsatzfahrzeuge der Polizei/Feuerwehr und Krankenwagen, OP-Säle, Küchen, Werkstätten, Übungsräume in Musikschulen. Überall dort, wo "klein, leicht, stabilisiert" mehr zählt als jeder andere technische Parameter.

Auto-Mitfahrten und POV-Aufnahmen. Der Tester von film-tv-video.de hat das Gerät am Fahrrad und im Auto eingesetzt, mit ehrlicher Praxis-Erkenntnis: Direkt am Fahrzeug befestigt vibriert das Bild zu stark, weil eine Z-Achsen-Stabilisierung sowie ein Isolator fehlen. Sobald man aber den eigenen Körper "dazwischenschaltet", verschwinden die Vibrationen. Für klassische EB-Anwendungen bedeutet das: In der Hand des Filmenden, vom Beifahrersitz aus, mit dem Körper als Dämpfer, funktioniert die Kamera erstaunlich gut für Mitfahr-Sequenzen, die früher - klassisch verkabelt - aufwendig gewesen wären.

Schnelle Schnittbilder und B-Roll. Wenn dein Magazinbeitrag fünf Bilder vom Marktstand braucht, dem Kollegen mit dem Topf hinterher, dem Tropfen Olivenöl in Großaufnahme, dann holt man das Ding in zwei Sekunden aus der Brusttasche und ist einsatzbereit. Kein Akku-Wechsel, kein Stativ aufstellen, einfach loslegen.

Wo sie scheitert
Jetzt die ehrliche Gegenrechnung. Eine Kamera, die für Solo-Shooter konzipiert wurde, hat im klassischen EB-Setup einige strukturelle Probleme:

Keine professionellen Anschlüsse. Kein XLR-Eingang, kein BNC, kein SDI, keine LANC-Steuerung, kein Tally. Wer auf eine Funkstrecke außerhalb des DJI-Ökosystems angewiesen ist, bekommt sie nicht angeschlossen. Wer einen externen Recorder über SDI füttern will, hat verloren. Die Kamera lebt in ihrer eigenen Welt.

4:2:0 statt 4:2:2. Die Pocket 4 zeichnet weiterhin in 4:2:0 auf, nicht in 4:2:2. Für Standard-EB-Anwendungen reicht das in den meisten Fällen, aber sobald Greenkey, kräftige Farbkorrektur oder anspruchsvolles Matching im Spiel sind, stößt das Format an Grenzen. 

Kein Telezoom. Was so einem kleinen Gimbal auf jeden Fall fehlt, ist ein echter Transfokator - sprich optischer Telezoom. Die Konkurrenz hat das schon vorgemacht. Für EB heißt das: Pressekonferenzen ab der dritten Stuhlreihe, Sport-Sequenzen, Beobachtungs-Aufnahmen aus der Distanz, alles nicht im Zuständigkeitsbereich der Pocket 4.

Fokuspumpen bei komplexen Vordergründen. Wenn sich Hindernisse wie Äste oder Strukturen vor dem getrackten Objekt befinden, kommt es zu Fokuspumpen, während das Tracking selbst sauber weiterläuft. Eine manuelle Fokus-Einstellung wäre an dieser Stelle hilfreich, fehlt aber (noch).

Die Frage der Workflow-Integration
Hier wird es für uns Berufstätige besonders interessant. Das Material muss am Ende durch den Redaktions-Workflow, und da entscheidet sich, ob die Kamera mehr ist als ein Spielzeug für Wochenend-Drehs.

D-Log zu Rec.709. Die meisten EB-Workflows arbeiten in Rec.709 oder HLG. Die Pocket 4 liefert echtes D-Log, das gewandelt werden muss. Der DCM-Workflow oder die offizielle DJI-LUT von D-Log zu Rec.709 funktionieren beide gut, was im Test von film-tv-video.de bestätigt wurde, einschließlich erfolgreichem Matching mit Red-Material nach der Farbkorrektur. Übersetzt: Mit etwas Zuwendung in der Postproduktion ist das Material durchaus sendetauglich.

MP4-Wandlung auf 1920x1080/50. Einige Sendeanstalten verarbeiten das Material von Drohnen und Action-Cams während des Ingest-Prozesses immer noch mit dem Anlieferformat MP4 in 1920x1080/50, gerade im Magazin- und Aktualitäten-Bereich. Aus 4K bei 60p heraus ist das eine doppelte Konvertierung (Auflösungs- und Framerate-Anpassung), die im Schnitt sauber gemacht werden muss. Wer die Pocket 4 direkt in einem 50p-Modus aufnimmt (1080p50 ist möglich), spart sich diesen Schritt. Wichtig zu wissen: Die 240-fps-Zeitlupe ist nur ohne Log verfügbar, das schränkt den Spielraum bei extremen Zeitlupen-Effekten ein.

Matching mit der Hauptkamera. Die größere Herausforderung ist meist nicht der Codec, sondern das Look-Matching. Eine Pocket 4 sieht anders aus als eine Sony PXW-Z750 und natürlich auch ganz anders, als eine Vollformat-Kamera wie die FX6/FX9. Die Schärfentiefe ist anders, das Rauschverhalten ist anders. Das lässt sich im Grading angleichen, kostet aber Zeit, die im EB-Tagesgeschäft selten da ist. Wer die Pocket 4 als reines Schnittbild-Werkzeug einsetzt, hat damit weniger Probleme als wer sie für lange Sequenzen einplant.

Codec-Frage. Die Kamera nimmt H.265 oder H.264 auf. Beide werden von ARD, ZDF und allen Privaten verarbeitet. Was du allerdings genau klären solltest, bevor du auf eine Großproduktion gehst: Manche Postpro-Abteilungen wollen für kritische Schnittsequenzen Prores oder DNx-Material, das die Pocket 4 nicht liefert. Für Standard-Beiträge ist das Material aber problemlos verwendbar.

Wer braucht das im EB-Alltag, wer nicht
Drei klare Einschätzungen:

Ja, lohnt sich: Für freie EB-Kameraleute, die regelmäßig Mehr-Kamera-Setups mit kleinem Budget umsetzen müssen, ist die Pocket 4 ein echtes Werkzeug. Doku-Drehs, Reportagen mit beengten Locations, Magazinbeiträge mit dynamischen Schnittbildern. Wer für die Pocket 4 Verwendung hat, hat sie täglich.

Vielleicht: Für Stamm-EB-Teams größerer Produktionsfirmen oder Sender. Die Kamera kann in der Tasche liegen für Sondersituationen, ohne dass jemand sie aktiv plant/disponiert. Wenn der Caddy schon mit Hauptkamera, Stativ, Funkstrecke, Licht und Mikroport-Kit voll ist, ist eine 500-Euro-Zweitkamera ohne nennenswerten Platzbedarf nicht die schlechteste Investition.

Nein: Als Ersatz für eine klassische zweite Schulter- oder Schulter-fähige Kamera taugt sie nicht. Wer in der AÜ-Welt unterwegs ist, Live-Schalten machen muss oder Pressekonferenzen abdeckt, braucht etwas anderes. Auch wer die Kamera als primäres (alleiniges) Aufnahmegerät für klassische EB-Beiträge einsetzen möchte, sollte beim Schulter-Camcorder bleiben, gerade bei Drehs mit großen Optiken, externem Audio über XLR und klassischem Broadcast-Workflow.

Fazit
Die DJI Osmo Pocket 4 ist genau das, wofür DJI sie konzipiert hat: ein Werkzeug für Solo-Shooter, Vlogger und mobilen Content. Für EB-Anwendungen ist sie weder gedacht noch geeignet als Hauptkamera oder vollwertige Zweitkamera. Aber als spezialisiertes Werkzeug für genau die Situationen, in denen die Hauptkamera zu sperrig wird, ist sie zum Preis eines guten Akkus eine durchaus überlegenswerte Ergänzung.

Was bleibt: Die Frage, ob Influencer-Equipment im Profi-Setup Platz hat, ist 2026 keine ideologische mehr. Es kommt nicht auf die Zielgruppe an, für die ein Gerät beworben wird, sondern darauf, ob es konkrete Probleme im Berufsalltag löst. Die Pocket 4 löst einige. Nicht alle, nicht die wichtigsten, aber einige.

Wer sie ehrlich einsetzt, bekommt einen kleinen Bildlieferanten zum kleinen Preis. Wer mehr erwartet, sollte beim Schulter-Camcorder bleiben.

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