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Arni

Interview mit Tobias Albrecht (Inas Nacht)

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Interview zur Fernsehproduktion "Inas Nacht" (N3)
mit Kameramann Tobias Albrecht



Die Idee hierzu entstand eines Abends völlig spontan, nachdem ich beim Zappen durchs Nachtprogramm plötzlich interessiert inne halten und mich ziemlich rasch vor Begeisterung einem mir bis dato unbekannten Fernseh-Format widerstandslos ergeben musste.

Was mich hier mit einem regelrechten Feuerwerk der guten Laune ansteckte, stellte sich nach einem kurzen Blick in den Videotext als "Inas Nacht" heraus. Doch nicht nur die Akteure vor der Kamera überzeugten mich. Auch die Bildästhetik trug offenbar in meinem Unterbewusstsein dazu bei, dass ich mich hier als jemand, der selbst hinter der Kamera steht, äußerst wohl fühlte.

Nun wollte ich mehr wissen. Wie lange gibt es die Sendung schon und wieso erfahre ich das erst jetzt? Zu gern hätte ich auch was über die Arbeit hinter den Kameras erfahren. Aber da ließ sich auf der offiziellen Internetseite nichts finden. Gut, sagte ich mir. Ich muss das selber machen. Wozu betreibe ich eigentlich ein Portal für Fernsehkameraleute, wenn man hier nichts über unsere Arbeit erfährt, die wir täglich zwar hinter den Blicken der Öffentlichkeit, aber dennoch nicht ungesehen verrichten.

Und so kam es, dass ich Kontakt zu unserem "Kollegen vor Ort" aufnahm und Kameramann Tobias Albrecht mit meinen Fragen löcherte. Doch lest selbst, was dabei herauskam.


Frage: Die für Ina Müller als 'Beste Moderation Late Night' mit dem Fernsehpreis prämierte Sendung wird seid 2007 vom Norddeutschen Rundfunk produziert und seit Anfang diesen Jahres auch in der ARD wiederholt. Seit wann betreust du die Sendung als 1.Kameramann und wie kam es dazu?

Tobias Albrecht: Die Sendung gibt es seit 2007, damals noch von TV Plus, Hannover produziert (jetzt Beckground HH). Sie geht auf eine (Bier-) Idee von Ina zurück, die sich ein konterkarierendes Late-Night-Format wünschte, das nichts vom Einerlei und der Austauschbarkeit der Sendungen auf ähnlichen Sendeplätzen haben sollte. Unsere kleine "Fernsehfamilie" kennt sich schon seit 2005.

Gemeinsam haben wir bis 2008 insgesamt 23 x 45min "Inas Norden" produziert, eine Art "Anarcho-Land-Und-Leute-Sendung" mit hohem Spaßfaktor und - trotz aller Dynamik - ausgeprägter Bild- und Montageästhetik.

Bei Regie und Kamera rannte sie mit diesem Wunsch natürlich offene Türen ein – der Sender hatte eine "Mutprobe" zu bestehen, die sich dann wohl doch für ihn ausgezahlt hat.

Den "1." Kameramann gibt es in unserer basisdemokratischen Anarchie eigentlich nicht. Das gesamte Konzept der Bildtechnik wird von Maik Behres (docam GbR) und mir (campool GbR) sichergestellt und ausgestattet. Dabei werden wir von Rolf Gihsa an der dritten Handkamera und seit 2008 von Stefan Jannecke am Kran (+4. HK) unterstützt (Ass. Lutz Leischke und Frank Krause).

Das "konzeptionelle Feintuning" der Lichtgestaltung übernimmt seit dem Start unser Partner vom "Lichtforum Berlin" Mario Klapper, mit dem wir auch bei der ab September zu sehenden "arte lounge" eng zusammenarbeiten.


Frage: Der "Schellfischposten", die Location der Sendung, bietet während der Aufzeichnung Platz für gerade mal 14 Zuschauer. Würdest du die örtlichen Bedingungen gerade auch in Hinblick auf die Bewegungsfreiheit der Kameras als beengt bezeichnen?

Tobias Albrecht: Genau das ist das Konzept – kleinstmöglicher "Apparat" auf intimem Raum – schafft Freiheit und Spontanität im Kopf, nicht nur bei Moderatorin und Interviewgästen…
Daher auch der Einsatz von Camcordern deren Bilder digital-drahtlos quasi live-offline geschnitten werden. Kein Kabel, kein Kabelpersonal (Wo sollten die auch stehen?) schränkt die Bewegungsfähigkeit und die Kreativität des Operators ein. Ganz kollisionsfrei (rein mechanisch gesehen) läuft die Sache natürlich nie ab, aber unsere "Choreografien" werden immer besser.


Frage: Man kann wahrscheinlich davon ausgehen, dass die maritim eingerichtete, gemütliche Kneipe außerhalb der Late-Night-Aufzeichnungen einen ganz normalen gastronomischen Alltagsbetrieb fährt. Wird die ganze Technik eigentlich an jedem Aufzeichnungstag ein- und nach der Produktion wieder ausgebaut?

Tobias Albrecht: Wir bauen gemeinsam mit Licht und Ton einen ganzen Tag ein, dann gibt es eine Staffel von 3 Sendungen an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Dann folgt der Ausbau in einer Nacht – der Schellfischposten ist für 3 Sendungen vier Tage geschlossen.


Frage: Ich habe gesehen, dass sowohl auf den Kameras, als auch an der "Studiodecke" überwiegend LED-Licht bzw. Fluoreszenzlicht verbaut und eingesetzt wird. Welche Lampentypen werden genau benutzt und wie hat sich das "Licht der neuen Generation" gerade auch vor dem Hintergrund des bevorstehenden Exodus der Glühbirne bislang im praktischen Einsatz bewährt?

Tobias Albrecht: "Lightpanel" (LED) Tungsten, dimmbar auf den Camcordern – weicheres Licht als Halogenheadlights, klein, ideal zum "Auffüllen".
Decke: Dedo klassisch, 300er ARRI mit Chimera und Eggcrate, wenig Kinoflo, keine LED.
Dafür gibt es verschiedene "scheinbar" natürliche Selbstleuchter im Bild, die Atmosphäre und Blende zaubern – mal genau drauf achten!!!! (Arbeitsblende 2.8+ bis offen bei 0 dB Gain)

Für atmosphärische Stimmungen, die available-light Charakter haben sollen, sind zumindest Halogen-basierte Leuchten für mich aus dem Profibereich noch nicht wegzudenken.


Frage: Wenn ich richtig informiert bin, ist der Norden ja Sony-Land. Welche und wie viele Kameras setzt ihr für "Inas Nacht" ein?

Tobias Albrecht: Wir arbeiten bis dato auf eigenen Sony Digi-Beta DVW 970 P. 4x, alle mit Weitwinkeloptik.
Drei Handkameras senden ihr Bild digital drahtlos über IDX-Wevi SDI Funkstrecken (4. Kam analog) an unsere mobile Regie vor der Kneipe.
Dort gibt es einen live-Offline Bildschnitt, den dankenswerterweise der spätere Cutter, unser geschätzter Kollege Frank Tschöke betreut.
Die Tongestaltung und –Mischung liegt autark in den bewährten Händen von "Hamburg pro audio".


Frage: Gibt es spezielle Änderungen am Setup der Kameras, die ihr vornehmt, um eine bestimmte Bildästhetik zu erreichen?

Tobias Albrecht: Nur gezielte White Balance und ein minimal weicheres Gamma – wichtiger ist es Kameras und Objektive trotz teilweiser Baugleichheit im Matching aufeinander anzupassen.


Frage: Die im Gegensatz zu sonst üblichen Fernsehformaten deutlich höhere Bewegungsunschärfe eurer Bilder, die besonders bei schnellen Schwenks auffällt, wirkt sehr angenehm. Ich tippe mal auf 25p?

Tobias Albrecht: Ja, wir drehen 25 PsF (Progressive segmented Frame).
Dies bedeutet, dass aus 25 Belichtungen pro Sekunde das Signal zwar progressiv ausgelesen, dann aber wieder klassisch interlaced (segmented) übertragen, aufgezeichnet etc. wird. Das heißt die Weiterverarbeitung kann mit jedem PAL-"Wald- und Wiesenequipment" erfolgen. Im SD Bereich ist es die einzige Methode schon in der Kamera zu progressiven Bildern zu kommen.
HD-Kameras bieten manchmal die Auswahl zwischen PsF und nativem P an - bedeutet, dass Schnittsysteme mit den reinen Progressiv-Sequenzen auch zurechtkommen müssen.


Frage: Wie sieht das mit Kameraproben aus? Gibt es bei euch vorab eine minutiös festgelegte Durchlaufprobe oder setzt man hier eher auf intuitives Reagieren während der Aufzeichnung?

Tobias Albrecht: Es gibt nur musikalische Proben - ohne Kameras - und einige logistische Absprachen (Beachtung der nötigen Kassettenwechsel im Timing usw.)


Frage: Als Zuschauer bekommt man den Eindruck, dass es bei euch alles eher locker und unkonventionell abläuft. Da wird ein Matze Knop noch kurz vor seinem Auftritt verkabelt, was Ina Müller allerdings sehr charmant überspielt. Ist die Arbeitsatmosphäre unter den Kollegen wirklich so entspannt oder gibt’s bei Pannen auch schon mal ordentlich Stress am Set?

Tobias Albrecht: Stress entsteht bei uns wenn, dann nur durch technische Ausfälle, für die menschliche Komponente garantiert ein jeder selbst.


Frage: Was kannst du uns über die Zusammenarbeit mit Ina Müller erzählen? Sie ist ja vor der Kamera ein ziemlich quirliges Temperamentsbündel. Ich könnte mit gut vorstellen, dass viele Aktionen von ihr so nicht geprobt bzw. abgesprochen waren und ihr als Kameraleute da oft sehr schnell auf sie reagieren müsst. Und selbstverständlich muss ein Kameramann auch dazu in der Lage sein mit der Kamera auf der Schulter Ina ein frisch gezapftes Bier über den Tresen zu schieben, nicht?

Tobias Albrecht: Ina ist unser "head of family", Voll-Profi und liebenswert. Weil sie tun und lassen kann, was sie mag, mag sie uns und wir mögen sie. "So kann ich nicht arbeiten…", "Gibt’s nicht…" und "Geht nicht…" von keiner Seite.



Tobias, ich bedanke mich auch im Namen aller Kollegen, die unser Gespräch lesen werden, ganz herzlich bei dir und wünsche dir noch viele spannende Projekte, von denen du uns vielleicht in Zukunft auch noch berichten wirst.

Die nächsten sechs Folgen mit Ina Müller und Gästen werden Anfang September und Anfang Oktober in Hamburg aufgezeichnet und ab 17. November in der ARD bzw. im NDR ausgestrahlt.

Das Erste

17.11.2009 - 00.50 Uhr
19.11.2009 - 23.30 Uhr
24.11.2009 - 00.50 Uhr
27.11.2009 - 00.00 Uhr
03.12.2009 - 23.30 Uhr
10.12.2009 - 23.30 Uhr

NDR Fernsehen

21.11. 2009 - 00.00 Uhr
28.11. 2009 - 00.00 Uhr
05.12. 2009 - 00.00 Uhr
12.12. 2009 - 00.00 Uhr
19.12. 2009 - 00.00 Uhr
30.12. 2009 - 23.30 Uhr

Inas Nacht (NDR)

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Bildnachweis: © NDR/Morris Mac Matzen

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Vielen Dank für das positive Feedback. :)

Eigentlich hatte ich mir das schon so vorgestellt, dass derartige Kollegen-Interviews in Serie gehen könnten. Nur benötige ich dafür mal wieder so einen Aha-Effekt wie ich ihn bei "Inas Nacht" hatte. Das muss bei mir aus dem Bauch heraus passieren. Mal sehen was das neue Jahr so bringt...

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