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Seilkamera-Absturz in Debrecen: Wie sicher sind diese Systeme wirklich?


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Die Bilder gingen vergangene Woche um die Welt: Beim Freundschaftsspiel Ungarn gegen Kasachstan löst sich eine Seilkamera aus mehr als 20 Metern Höhe und schlägt auf dem Rasen auf, keine zwei Meter neben einem Steadycam-Operator an der Seitenlinie. Weil dieselbe Gattung Technik gerade bei der WM zum Einsatz kommt, ist die Aufregung groß. Zeit, das Ganze mit fachlichem statt boulevardeskem Blick zu sortieren, denn an dem Vorfall lässt sich eine Menge über die Technik lernen, mit der viele von uns regelmäßig zu tun haben.
 


Was tatsächlich passiert ist
Am 9. Juni, beim Länderspiel im Nagyerdei-Stadion in Debrecen, begann eine Seilkamera in der ersten Halbzeit zu rauchen. Ungarische Medien berichteten, ein Feuer habe das Tragekabel beschädigt. Die Kamera stürzte aus über 20 Metern und schlug nahe der ungarischen Aufwärmzone auf, knapp im Feld, zwei Meter von einem Kameramann entfernt. In der 26. Minute gab es eine Trinkpause, während der Vorfall abgearbeitet wurde. Verletzt wurde niemand, Ungarn gewann am Ende 3:1.

Dass nichts Schlimmeres geschah, war Glück, kein Verdienst des Systems. Bei einem aus 20 Metern fallenden Kamera-Dolly samt Kopf reden wir über ein Geschoss von erheblichem Gewicht.

Warum ich hier Seilkamera schreibe und nicht Spidercam
Dir ist vielleicht aufgefallen, dass ich durchgängig von einer Seilkamera spreche. Das ist Absicht, und hier beginnt der Teil, den fast alle Meldungen falsch machen. Reflexhaft hieß es überall "Spidercam", doch Spidercam ist ein Markenname, kein Gattungsbegriff. PetaPixel hat seinen Bericht nachträglich sogar korrigiert und schreibt nun bewusst von einem kabelgestützten Kamerasystem statt von einer Spidercam.

Noch deutlicher wurde der Markeninhaber selbst. Ross Video, seit 2022 Eigentümer der Marke Spidercam, stellte am 10. Juni in einer offiziellen Mitteilung klar, dass das in Ungarn betroffene System kein Spidercam-System war und weder von Ross Video aufgebaut noch betrieben wurde. Damit ist die verbreitete Zuschreibung vom Hersteller persönlich zurückgewiesen.

Der Unterschied ist für uns relevant. Spidercam ist eine österreichische Entwicklung von Jens C. Peters, gegründet um das Jahr 2000. Das System arbeitet mit vier motorisierten Winden an den Ecken, die je ein Kevlar-Kabel zu einem gyrostabilisierten Dolly führen. Daneben gibt es das ältere US-System Skycam, das aus den USA stammt und 1984 erfunden wurde, sowie diverse weitere Cable-Cam-Anbieter. Welches Fabrikat in Debrecen hing, ist bislang nicht sauber bestätigt, nur eben, dass es keine Spidercam war. Wer also pauschal "die Spidercam" verantwortlich macht, ordnet einem konkreten Hersteller einen Defekt zu, der nachweislich nicht seiner war. Genau diese Sorgfalt unterscheidet uns von der Schlagzeile, und deshalb bleibt es bei uns bei der neutralen Seilkamera.

Wie so eine Cable Cam überhaupt funktioniert
Damit klar wird, was da versagt hat, lohnt der Blick auf den Aufbau. Vier Winden an den Ecken spulen je ein hochfestes Kabel auf und ab, meist aus Kevlar oder Dyneema. Aramidfasern wie Kevlar sind rund fünfmal reißfester als Stahl bei gleichem Gewicht, hitze- und schnittbeständig und nicht elektrisch leitend. In zwei der Kevlar-Stränge ist zusätzlich Glasfaser eingewoben, die die Steuerbefehle zum Dolly und das Videosignal zurück zur Regie transportiert. Über das synchrone Auf- und Abwickeln der vier Seile bewegt sich die Kamera frei im Raum, eine gyrostabilisierte Aufhängung und ein Gimbal halten das Bild ruhig.

Eine moderne Anlage trägt bis zu 25 Kilogramm, deckt Felder bis 200 mal 150 Meter ab und beschleunigt den Dolly auf zweistellige Meter-pro-Sekunde-Werte. Das ist beeindruckende Mechanik, aber eben auch ein Lastsystem über den Köpfen von Menschen, und damit ein sicherheitskritisches System.

Der eigentlich interessante Punkt: ein Feuer am Kabel
Jetzt wird es technisch spannend. Ein Kabelbrand ist bei diesen Systemen ein höchst ungewöhnlicher Fehler, gerade weil Kevlar selbst hitzebeständig ist und nicht leitet. Wenn etwas am Kabel brennt, dann mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht der Aramidstrang, sondern eine elektrische Komponente in seiner Nähe: die Energieführung, eine Steckverbindung, ein überlasteter Leiter oder ein Schmorbrand an der Glasfaser-Hybridstrecke. Das ist meine fachliche Einordnung anhand des Aufbaus, keine bestätigte Unfallursache, eine offizielle Untersuchung steht aus. Aber die Richtung ist plausibel, und sie verschiebt die Frage weg vom "gerissenen Seil" hin zu einem elektrischen oder thermischen Defekt, der das Tragseil erst sekundär geschwächt hat.

Das passt auch zur Beobachtung der Zuschauer, die zuerst Rauch sahen und erst danach den Absturz. Ein rein mechanischer Seilriss kommt schlagartig. Hier ging dem Versagen sichtbar etwas voraus, ein thermischer Prozess, der Zeit brauchte.

Warum am Ende nur noch ein Seil hielt
Und damit zu einem Detail, das in den Videos aufmerksamen Augen nicht entgeht: Kurz vor dem Aufschlag hängt die Kamera nur noch an einem einzigen Seil. Das ist verräterisch, denn ein bewegliches System, das dauerhaft an nur einem Seil hinge, ergäbe technisch keinen Sinn. Mit einem Seil lässt sich keine kontrollierte Position erzeugen, nur ein Pendel. Bewegliche Seilkameras hängen daher immer an mehreren Strängen: Ein Zwei-Seil-System spannt die Kamera zwischen zwei Ankerpunkten auf und fährt sie auf einer Linie über das Feld, ein Vollsystem nach Spidercam-Art nutzt vier Seile zu vier Ecken für die freie Fahrt über die gesamte Fläche.

Dass am Ende nur ein Seil hielt, ist deshalb kein Normalzustand, sondern der vorletzte Akt einer Fehlerkette. Und die Berichte stützen das im Wortlaut: Demnach beschädigte das Feuer eines der Tragekabel, woraufhin sich die Kamera von den Kabeln löste, beide Male im Plural. Das spricht klar für ein Mehrseil-System, bei dem zuerst ein Strang durch den Brand versagte. Die Last wanderte auf das verbliebene Seil, das dann entweder vom selben Brand geschwächt war oder durch die schlagartige Pendellast überfordert wurde, und ebenfalls riss. Genau das soll Redundanz eigentlich verhindern. Dass sie hier nicht griff, deutet darauf hin, dass der Brand mehr als einen Strang erfasst hat, vermutlich an einem gemeinsamen Sammelpunkt der Energieführung. Auch das ist fachliche Herleitung, keine bestätigte Ursache.

Wie sicher sind diese Systeme normalerweise?
Fairerweise muss man einordnen: Abstürze sind extrem selten. Seriöse Anbieter arbeiten mit redundanten Bremsen, Fangleitungen, Geofencing und Sperrzonen, dazu kommen Geschwindigkeitsgrenzen und Kollisionsvermeidung. Spidercam etwa wirbt damit, dass die redundanten Bremsen über zwei Jahrzehnte Betrieb hinweg nicht versagt hätten, weil sie bei Stromausfall oder Notfall automatisch greifen, eine Herstellerangabe, die man nicht überprüfen kann, die aber zur insgesamt guten Bilanz dieser Systeme passt.

Bezeichnend ist, dass die bekanntesten Zwischenfälle der Vergangenheit fast nie Abstürze waren, sondern Kollisionen. Beim Boxing-Day-Test 2022 in Melbourne riss eine Spidercam den südafrikanischen Bowler Anrich Nortje zu Boden, mehrfach lenkten Kabel im Cricket den Ball ab. Der prominenteste echte Absturz wiederum, der gern als Spidercam-Versagen erinnert wird, war 2013 beim Coca-Cola-600-Rennen.  Nur war das gar keine Spidercam, sondern eine Cablecam, deren Seil riss. Auch das ein schönes Beispiel dafür, wie schnell die Marke für die ganze Gattung herhalten muss.

Und die WM?
Natürlich schwingt die Sorge mit, weil Seilkameras bei der WM flächendeckend zum Einsatz kommen. Hier ist nüchterne Einordnung gefragt statt Alarmismus. Erstens wissen wir nicht, ob in Debrecen überhaupt ein Fabrikat hing, das auch bei der WM fliegt, der Spidercam-Hersteller hat eine Beteiligung ja ausdrücklich verneint. Zweitens unterliegt eine WM-Produktion ganz anderen Abnahme-, Wartungs- und Versicherungsauflagen als ein Freundschaftsspiel, das von einem nationalen Verband ausgerichtet wird. Drittens ist ein Vorfall mit sichtbarer Rauchentwicklung vor dem Versagen genau der Fall, den professionelle Inspektionsprotokolle vorab abfangen sollen, etwa durch Thermografie und Prüfung der Energieführung.

Trotzdem wäre es falsch, das achselzuckend abzutun. Der Fall ist eine Erinnerung daran, dass die spektakulärsten Bilder von der Mechanik über unseren Köpfen abhängen, und dass deren Sicherheit mit der Sorgfalt bei Aufbau, Prüfung und Wartung steht und fällt. Für alle, die unter solchen Cable Cams arbeiten, ist die wichtigste Lehre unbequem: Ein rauchendes Kabel ist kein Schönheitsfehler, sondern der letzte Moment, in dem man den Bereich noch verlassen kann und auch sollte. Wie sagte mal ein Erzieher aus meinen frühen Jugendtagen, zugegebenermaßen in einem anderen Zusammenhang, aber es passt hier einfach wunderbar: "Das Problem ist ja nicht das Herunterfallen, sondern das Aufkommen!"

Was hängen bleibt
Drei Dinge zum Mitnehmen. Erstens, fachliche Präzision lohnt: Nicht jede Seilkamera ist eine Spidercam, der Hersteller selbst hat eine Beteiligung zurückgewiesen, und die pauschale Schuldzuweisung an eine Marke ist journalistisch wie fachlich unsauber. Zweitens, die wahrscheinliche Ursache ist nicht das sagenumwobene einzelne "gerissene Seil", sondern ein elektrischer oder thermischer Defekt, der eine ganze Seilkaskade auslöste. Und drittens, die Technik ist im Normalfall bemerkenswert sicher, was sie aber nicht von sorgfältiger Wartung entbindet, im Gegenteil.

Sobald eine offizielle Untersuchung vorliegt, lohnt ein Nachtrag. Bis dahin gilt: Augen auf, auch nach oben. Die schönste Kamerafahrt nützt nichts, wenn das Vertrauen in die Aufhängung nicht durch Prüfprotokolle gedeckt ist.

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