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RefCam bei der WM: Wie aus einem Schiedsrichter-Trainingstool die spektakulärste neue Perspektive im Fußball wurde


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Beim WM-Auftakt am vergangenen Donnerstag, dem 11. Juni war es so weit: Der brasilianische Schiedsrichter Wilton Sampaio trug eine Kamera am Kopf, und Millionen sahen zum ersten Mal bei einer WM den Fußball aus der Perspektive des Unparteiischen. Was nach einer netten Spielerei für die Zuschauer aussieht, ist technisch und berufspolitisch eine kleine Sensation, und die Hintergrundgeschichte ist deutscher, als die meisten ahnen. Zeit für einen genaueren Blick.

Erst die Regel, dann die Kamera
Damit eine Kamera überhaupt an den Schiedsrichter durfte, musste zunächst das Regelwerk geändert werden. Beim 140. Jahrestreffen des International Football Association Board (IFAB) im Februar 2026 in Wales wurde die Regel 5 (Der Schiedsrichter) angepasst: Schiedsrichter-Kameras, ob brust- oder kopfmontiert, sind seither als Wettbewerbs-Option zugelassen, wobei der Wettbewerbsveranstalter die Kameras stellt und die Verwendung des Materials kontrolliert. Erst diese Regeländerung machte den WM-Einsatz möglich.

Ganz neu ist die Technik bei FIFA-Turnieren allerdings nicht. Schon bei der Klub-WM 2025 wurde sie getestet, und ausgerechnet der oberste Schiedsrichter-Funktionär wurde zum Fan. Pierluigi Collina, Vorsitzender der FIFA-Schiedsrichter-Kommission und bekanntlich kein Mann vorschneller Begeisterung, erklärte hinterher, die kopfmontierten Kameras seien "über unsere Erwartungen hinaus" gegangen. Sein Kommentar zur Wirkung: Man fühle sich mittendrin im Geschehen, erlebe die Geschwindigkeit und den Druck auf den Schiedsrichter.

Die deutsche Wurzel: ein Trainingstool aus dem Bergischen Land
Jetzt zum Teil, der uns besonders interessiert. Die RefCam-Technik stammt von Riedel Communications aus Wuppertal, jener Firma, die viele von uns als Intercom- und Signaltransport-Spezialisten kennen, von Bolero über MediorNet bis zum Artist-System. RefCam entstand in einem Joint Venture namens In-YS (In Your Shoes), gemeinsam mit den beiden DFB-Schiedsrichtern Patrick Kessel und Nicolas Winter, der zugleich Mitgründer und Geschäftsführer von In-YS ist.

Kessel, der im März auf dem Football Summit von SVG Europe sprach, erzählte die Entstehungsgeschichte: Vor rund sieben Jahren begann das Ganze als Trainingswerkzeug für Schiedsrichter, um Spiele aus der eigenen Perspektive nachzubereiten und so Stellungsspiel und Entscheidungen zu verbessern. Sein Bild dazu ist einleuchtend: Ein Stürmer, der einen Elfmeter verschießt, kann im Training hundert weitere schießen. Ein Schiedsrichter dagegen konnte sich bis dahin nur von außen auf Kameras sehen, nie aus seiner eigenen Perspektive, aus der er im Spiel tatsächlich entscheidet. Winters Motivation hat sogar einen berufsständischen Unterton: Die Kamera zeige die unvermittelte Realität und die wahre Geschwindigkeit der Entscheidungen, und das könne helfen, dem Nachwuchsmangel bei Schiedsrichtern entgegenzuwirken.

Werfen wir einen Blick auf die Technik, denn die ist gewachsen. Die Kamera sitzt nicht einfach am Kopf, sondern wird mittig am Ohr über einen maßgefertigten Ohrabdruck fixiert, ausgerichtet an der Blickrichtung des Trägers, was Stabilität und Tragekomfort sichert. Das Gesamtgewicht ist auf rund 14 Gramm optimiert, kaum spürbar. Übertragen wird das Bild nicht etwa klassisch per Funkstrecke ins Stadion, sondern über Riedels eigenes Easy5G, ein privates 5G-Netz, das HD-Video mit niedriger Latenz liefert und sich mit Bolero-Intercom, MediorNet und den RUN-Headsets verzahnt. Aus Datenschutzgründen lässt sich das Mikrofon stummschalten und abschalten, ein Detail, das im Profifußball mit seinen sensiblen Schiedsrichter-Dialogen alles andere als nebensächlich ist.

Wichtig für das Verständnis der WM-Variante: Riedel hat bereits eine elektronische Bildstabilisierung (EIS) in das System eingebaut, die das Bild ruhig hält und den Zuschauer in die Szene zieht. Dass Riedel im August 2024 zusätzlich den österreichischen Stabilizer-Spezialisten APEX Stabilizations übernommen hat, zeigt, wie ernst es dem Unternehmen mit dem Thema ruhige Bilder ist. Genau hier setzt später die WM-Stufe an, dazu gleich mehr.

Den Weg in die Öffentlichkeit nahm das System schrittweise über die Bundesliga: Der erste Einsatz fand bei Eintracht Frankfurt gegen VfL Wolfsburg statt, getragen von Schiedsrichter Daniel Schlager, zunächst nur zur Aufzeichnung, und das Material lief im 30-minütigen DFL-Format "Referees Mic'd up". Inzwischen ist RefCam auch live im Einsatz, etwa beim Klassiker in der ausverkauften Allianz Arena, und hat sich nach Angaben der Entwickler längst über den Fußball hinaus bewährt, vom Boxring bis zur Skipiste.

Der lange Weg über die Bundesliga
Sky Deutschland war früher Verfechter der Technik. Johanna Torchetti, Senior Manager Operations bei Sky Sport, schilderte auf dem Football Summit, wie überzeugt man war, dass dies das nächste große Ding werde, und das, obwohl die IFAB-Regel noch gar nicht geöffnet war.

Der erste Live-Einsatz in Deutschland kam vor drei Jahren auf charmantem Umweg: Bei einer kindgerechten Sky-Übertragung von Bayern gegen Dortmund trug zunächst eines der Einlaufkinder die Kamera, um den Gang aufs Spielfeld aus seiner Perspektive zu zeigen. Ein Jahr später nutzte der Schiedsrichter derselben Begegnung die RefCam zunächst nur zur Aufzeichnung, und in dieser Saison schließlich erstmals als Live-Kamera während des Spiels.

Interessant für die Einordnung des Aufwands: In der Frauen-Bundesliga, ebenfalls von Sky produziert, wertet die RefCam eine vergleichsweise schlanke Produktion mit nur sieben bis neun Kameras spürbar auf, indem sie das Replay-Material bei Toren, Abseits und Fouls verbessert. Und die Social-Media-Zahlen sind beachtlich: RefCam-Clips erzeugen rund zwei Millionen Aufrufe pro Wochenende, bei positiver Resonanz und, das ist berufspolitisch bemerkenswert, einer verbesserten Wahrnehmung der Schiedsrichter als nahbare Menschen.

Was die WM-Variante technisch besonders macht: zwei Stufen der Stabilisierung
Bei der WM ergänzt die RefCam den ohnehin üppigen Kameraplan aus 45 Positionen, von Pole- und Cablecams bis zu Ultramotion-, Superslowmotion- und Cine-Style-Kameras. Der entscheidende technische Fortschritt gegenüber dem Bundesliga-Einsatz liegt aber nicht in der Kamera selbst, sondern in einer zweiten Verarbeitungsstufe dahinter. Und genau hier lohnt es sich, sauber zu trennen, weil die meisten Berichte beides in einen Topf werfen.

Stufe eins ist die schon erwähnte elektronische Stabilisierung von Riedel, die direkt im Kamerasystem arbeitet und das grobe Wackeln glättet. Stufe zwei kommt von FIFA-Partner Lenovo und ist eine KI-basierte Echtzeit-Verarbeitung, die als zusätzliche Schicht über das Signal gelegt wird. Lenovo selbst spricht von einem Stabilisierungs-Overlay, das in Szenen mit starker Bewegung bis zu 50 Prozent weniger Bildzittern erzeugt und einen eigenständigen, sofort verfügbaren Broadcast-Stream liefert.

Technisch ist das anspruchsvoller, als es klingt, denn hier werden zwei verschiedene Probleme bekämpft. Das eine ist der Jitter, also das Verwackeln zwischen aufeinanderfolgenden Bildern, das sich über Bewegungsanalyse und zeitliche Glättung herausrechnen lässt. Das andere ist die Bewegungsunschärfe innerhalb eines einzelnen Bildes, die entsteht, wenn der Kopf des Schiedsrichters sich während der Belichtungszeit eines Frames schnell dreht. Genau diese Unschärfe war bisher der Grund, warum First-Person-Schiedsrichtermaterial schwer anzuschauen war. Eine KI, die Bewegungsunschärfe reduziert, muss Bildinhalte rekonstruieren, also gewissermaßen schätzen, wie die Kante eines Trikots oder die Linie des Spielfelds ohne den Verwischungseffekt aussähe. Das ist Rechenarbeit, die in Echtzeit nur mit ordentlich Leistung zu stemmen ist.

Und damit sind wir beim eigentlichen Grund, warum das im IBC Dallas passiert und nicht in der Cloud. Lenovo stellt dort leistungsstarke ThinkSystem-Server bereit und betreibt die Verarbeitung bewusst als On-Premise-Edge-Computing, also lokal am Ort des Geschehens, weil reine Cloud-Lösungen die Broadcast-Anforderungen an die Latenz nicht erfüllt hätten. Das Signal der Kamera wird in 1080i über das private 5G-Netz übertragen, im IBC durch die KI-Stabilisierung geschickt und steht der Host-Produktion dann als separater, sendefähiger Stream zur Verfügung. Bezeichnenderweise wurde gleich das erste Tor der WM, der Treffer von Julian Quinones beim 2:0 der Gastgeber Mexiko gegen Südafrika, über diese stabilisierte Schiedsrichter-Perspektive eingefangen.

Erprobt wurde die KI-Stufe schon bei der Klub-WM 2025 und beim FIFA Intercontinental Cup, vorgestellt hatten FIFA und Lenovo die neue Generation Anfang 2026 auf der Lenovo Tech World rund um die CES in Las Vegas. Zur Einordnung der Dimension: Lenovo bringt für die gesamte WM-Infrastruktur über 17.000 Geräte und mehr als 200 Ingenieure an die Spielorte und Trainingsanlagen und drückt die IPTV-Latenz auf unter fünf Sekunden. Die RefCam-Stabilisierung ist also nur ein kleiner, sichtbarer Teil eines sehr großen Technik-Aufbaus.

Bei aller Technikbegeisterung noch eine Einordnung, die gerade für unsere Diskussionen hier zählt: Die RefCam ist laut FIFA-Produktionschef Oscar Sanchez ausdrücklich keine Host-Broadcast-Kamera im klassischen Sinn, sondern wurde vom FIFA-Team für Fußball-Technologie und Innovation gemeinsam mit dem Schiedsrichter-Bereich entwickelt und dann für den Host-Feed verfügbar gemacht. Sie unterliegt eigenen Richtlinien und ist nicht Teil der ISO-Feeds für die Medienpartner. Eine der Aufgaben von HBS wird sein, dass die Produktionsteams in den USA, Kanada und Mexiko die Kamera einigermaßen einheitlich und nicht inflationär einsetzen, damit der Effekt nicht abstumpft.

Nicht nur Fußball: RefCam erobert andere Sportarten
Das Prinzip macht Schule. Die Europäische Handball-Föderation setzte Riedels kopfmontierte RefCam samt Easy5G-System am Finalwochenende der Männer-EHF-EURO 2026 ein, der erste Live-Broadcast-Einsatz des Riedel-Systems außerhalb des Fußballs. Im Basketball nutzte die Euroleague in der Saison 2023/24 brustmontierte Kameras des Anbieters Mindfly bei ausgewählten Derbys. Und beim Finale der Snooker-Weltmeisterschaft im Mai in Sheffield trug Schiedsrichter Rob Spencer eine winzige Kamera am Revers, deren Signal per Funk zum Ü-Wagen übertragen und dort in ein sendefähiges Signal gewandelt wurde, ein System der Firma Camera Innovations.

Bemerkenswert ist hier die Bandbreite der technischen Ansätze: kopf-, brust- und revermontiert, mal mit Funkstrecke zum Ü-Wagen, mal mit zentraler KI-Verarbeitung im IBC. Wir sehen gerade in Echtzeit, wie sich eine ganze Geräteklasse ausdifferenziert.

Warum uns das angeht
Die RefCam ist mehr als ein WM-Gimmick, und sie ist aus drei Gründen für unseren Berufsalltag relevant.

Erstens die Stabilisierung. Wer schon einmal Material aus einer Helm-, Body- oder Action-Kamera geschnitten hat, kennt das Grundproblem: Die Perspektive ist einzigartig, das Wackeln macht sie für längere Einstellungen unbrauchbar. Wenn KI-Stabilisierung in Echtzeit und auf Sendequalität jetzt im größten Live-Event der Welt funktioniert, ist absehbar, dass diese Technik in den nächsten Jahren auch in unsere normalen Produktionen einzieht, vom Sport-Feature über die Reportage bis zum Bodycam-Material.

Zweitens die Perspektive selbst. HBS-Senior-Producer Paul King bringt es schön auf den Punkt: Neue Technik liefere meist nur graduelle Verbesserungen, die RefCam dagegen etwas Unmittelbares. Man schaue sich einen Freistoß aus dieser Sicht an, und plötzlich sage jeder "Wow", weil man etwas sehe, das man so noch nie gesehen habe. Genau dieses "etwas, das einen zwischen die Augen trifft" ist im durchchoreografierten Spitzenfußball selten geworden.

Drittens der Ton, ein oft übersehener Aspekt. King empfiehlt ausdrücklich, sich die Clips mit Audio anzusehen, weil erst der Ton zeige, wie schwierig der Job sei und wie schnell die Schiedsrichter kommunizierten. Für uns ein guter Reminder: Eine neue Perspektive ist immer auch eine neue Tonquelle, mit allen dramaturgischen und rechtlichen Fragen, die das aufwirft.

Ausblick
Noch gibt es Einschränkungen, vor allem bei Live-Bildern und Live-Ton. Die nationalen Ligen hoffen, dass sich diese Beschränkungen nach der WM lockern, wenn die FIFA mit ihrem Einsatz vormacht, dass das Konzept funktioniert. Gut möglich also, dass wir in zwei, drei Jahren die RefCam nicht mehr als Sensation, sondern als selbstverständlichen Teil jeder größeren Fußballproduktion betrachten.

Für heute gilt: Beim nächsten strittigen Elfmeter lohnt der Blick auf die eingeblendete Schiedsrichter-Perspektive. Was da so beiläufig im Bild erscheint, ist das Ergebnis von sieben Jahren Entwicklungsarbeit, einer Regeländerung auf höchster Ebene und einer KI, die in Dallas das Gewackel aus dem Bild rechnet. Mehr Broadcast-Geschichte steckt selten in vierzehn Gramm.

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