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Es gab eine Zeit, da hieß Lichtsteuerung am Set: ein DMX-Kabel, ein Pult, fertig. Heute öffnest du am Set drei Apps gleichzeitig, der Best Boy fragt nach dem Wifi-Passwort, und irgendwo in der Hosentasche piept ein kleiner Transceiver, dessen Akku gerade den Geist aufgibt. Willkommen in der drahtlosen Lichtsteuerung 2026, einer Welt, in der mehr Funkprotokolle gleichzeitig laufen als in einer kleinen Mobilfunkzelle. Was davon wann sinnvoll ist, klären wir hier.

Die drei Welten der Lichtsteuerung
Bevor wir uns durchwühlen, eine kurze Sortierung. Es gibt drei Familien von Steuerungs-Technologien, die im EB-, AÜ- und Studio-Bereich relevant sind:

Kabelgebundenes DMX ist der Klassiker, seit den achtziger Jahren weitgehend unverändert. Ein Kabel, fünf Pins, 512 Kanäle pro Universum, deterministische Übertragung. Wenn das Kabel nicht abgerissen oder die Buchse verbogen ist, kommt das Signal an, Punkt.

Kabelloses DMX ersetzt das Kabel durch eine Funkstrecke, hält ansonsten alle DMX-Eigenschaften aufrecht. Die zwei dominanten Protokolle: CRMX von LumenRadio (mit großem Marktanteil im Profi-Bereich, in fast jedem Astera, ARRI, Aputure, Litepanels eingebaut) und W-DMX von Wireless Solution (eher im Veranstaltungs- und Theaterbereich verbreitet).

Bluetooth-basierte App-Steuerung ist die Newcomerin. Aputure hat es mit Sidus Link populär gemacht, Astera mit der AsteraApp, ARRI hat seit dieser Woche sein eigenes Bluetooth-Mesh-Protokoll am Start.

Diese drei Welten konkurrieren nicht, sie ergänzen sich. Wer das versteht, vermeidet 80 Prozent der Frust-Momente am Set.

Was Bluetooth Mesh wirklich ist
Klassisches Bluetooth verbindet zwei Geräte miteinander, Punkt-zu-Punkt. Dein Mikrofon zum Sender, deine Kopfhörer zum Handy, dein Auto zur Freisprechanlage. Reichweite begrenzt, Skalierung schwierig.

Bluetooth Mesh ändert das fundamental. Statt einer einzelnen Verbindung bauen mehrere Geräte ein Funknetz auf, bei dem jedes Gerät gleichzeitig Empfänger und Sender ist. Ein Befehl wird wie eine Welle weitergereicht: Lampe 1 hört das Signal, sendet es weiter an Lampe 2, die wiederum an Lampe 3, und so weiter. Reichweite und Skalierung werden damit theoretisch unbegrenzt, weil jede zusätzliche Lampe das Netzwerk vergrößert, statt es zu belasten.

Was klingt wie Marketing-Theorie, hat einen praktischen Haken: Bluetooth wurde nicht für deterministische Echtzeit-Steuerung entwickelt. Standard-Bluetooth-Protokolle sind so ausgelegt, dass eine Lampe reagiert, sobald sie ein Signal empfängt, was prinzipiell ähnlich wie DMX funktioniert. Aber Bluetooth ist von Haus aus langsam, und Pakete gehen unterwegs öfter verloren als bei dedizierten Funklösungen.

Genau hier setzen die Hersteller-Entwicklungen an. ARRI hat für die neue Omnibar ein eigenes Bluetooth-Mesh-Protokoll auf Bluetooth-5-Basis entwickelt, das diese Schwächen ausgleichen soll. Aputure macht das schon länger mit Sidus Link, Astera mit der AsteraApp.

Warum CRMX trotz allem der Profi-Standard bleibt
Hier kommt die ehrliche Einordnung, die viele App-begeisterte Marketing-Texte gerne unterschlagen. Für professionelle Live-Anwendungen, AÜ-Setups und alles, wo Lichtwechsel synchron auf den Frame fallen müssen, bleibt kabelloses DMX (also CRMX oder W-DMX) der Maßstab. Drei Gründe:

Erstens, deterministische Latenz. Profi-Wireless-DMX-Systeme liefern niedrige einstellige Millisekunden-Latenz, mit hoher Paket-Integrität und reproduzierbarem Timing. Wenn der Lichtmischer am Pult einen Cue auslöst, kommen alle Lampen synchron an, immer.

Zweitens, etablierte Reichweite und Robustheit. Eine Aputure Sidus One sendet CRMX bis zu 300 Meter weit, Sidus Bluetooth dagegen nur 180 Meter, 5-GHz-Wifi nur 120 Meter. Die Reichweiten in der Praxis sind durch Wände, Reflexionen und Funk-Kollisionen oft niedriger, aber das relative Verhältnis bleibt: CRMX erreicht im Schnitt das Doppelte bis Dreifache von Bluetooth.

Drittens, Industriestandard und Kompatibilität. Ein CRMX-Sender steuert Lampen verschiedenster Hersteller, weil das LumenRadio-Modul branchenweit verbaut wird. Bluetooth-Mesh-Lösungen sind herstellerspezifisch: Aputure spricht nicht mit ARRI, ARRI nicht mit Astera, Astera nicht mit Aputure.

Praktisch gesprochen: Wenn dein Drehtag von einem Ein-Mann-Lichtsetup abhängt, ist Bluetooth-App-Steuerung praktisch und schnell. Sobald mehr als drei Lampen synchron auf eine Kommando-Linie reagieren müssen, bist du mit CRMX besser bedient.

Was im EB-Alltag wirklich passiert
Drei Szenen aus dem Berufsalltag, die jeder kennt:

Klassischer Reportage-Dreh, ein bis drei Lampen. Du setzt eine Aputure 300X als Hauptlicht, eine PavoTube als Akzent, ein kleines Aufstecklicht als Aufheller. Bluetooth-App-Steuerung über Sidus Link ist hier perfekt: Eine App, drei Lampen, in Sekunden gekoppelt, Kollegen-Smartphone als zweite Bedienoberfläche. Brauchst keine zusätzliche Hardware, keinen DMX-Sender, kein Pult.

Größeres Interview-Setup mit Hintergrund-Bars und Effektlicht. Hauptlicht, Aufheller, zwei Astera Titan Tubes als Hintergrund, eine programmierbare Bar als Akzent. Hier wird es interessant. Astera-Tubes sprechen prinzipiell nicht direkt mit Aputure-Lampen über Bluetooth, weil die Apps proprietär sind. Lösung: Eine AsteraBox oder Aputure Sidus One als CRMX-Brücke, die alle Lampen über das gemeinsame DMX-Protokoll ansteuert. Die AsteraBox funktioniert als Bluetooth-Bridge zwischen App und Lampen und gleichzeitig als CRMX-Wireless-DMX-Sender, wodurch sich Astera-Lampen und andere CRMX-fähige Lampen von einem gemeinsamen Pult aus steuern lassen.

AÜ-Setup mit zehn und mehr Lampen, vielleicht für eine Außenübertragung oder eine größere Veranstaltung. Spätestens hier ist die App-Lösung unzureichend. Du brauchst ein klassisches DMX-Pult (Hardware oder Software wie ETC EOS, MA Lighting, Chamsys), das via CRMX-Sender alle Lampen synchron erreicht. Bluetooth-Mesh kann hier als zusätzliche Steuerungs-Ebene für einzelne Lampen dienen, ist aber nicht das Rückgrat.

Die Sidus One als Schweizer Taschenmesser
Ein Gerät, das die ganze Diskussion praktisch zusammenfasst: die Aputure Sidus One. Ein kleiner Transceiver, der gleichzeitig DMX und CRMX sendet, DMX, CRMX, Art-Net und sACN empfängt, oder als leistungsfähiger Sidus-Bluetooth-Mesh-Master-Knoten funktioniert. Eingebaute 18-Stunden-Batterie, IP54-Wetterschutz, Gürtelclip.

Im Klartext: Du hängst dir das Ding an die Hose, koppelst per Knopfdruck deine Lampen, und kannst von der App aus bis zu vier DMX-Universen steuern. Wer ein Ein-Mann-EB-Setup mit vier bis acht Lampen fährt, hat damit eine Lösung, die vor fünf Jahren ein 19-Zoll-Rack gebraucht hätte.

Vergleichbare Lösungen: AsteraBox, LumenRadio MoonLite (kompakter CRMX-Transceiver für kleine bis mittlere Setups), die kommende ARRI Omnibase.

Praxis-Tipps für drahtlose Lichtsteuerung
Drei Empfehlungen, die mehr verändern als die Wahl der App:

Site-Survey vor dem Dreh. Wer in einer Funkmesse oder einem Hotel-Konferenzraum dreht, hat es mit Dutzenden konkurrierenden Wifi-Netzen, Bluetooth-Geräten und Mikroport-Strecken zu tun. Bei kritischen Drehs lohnt sich ein kurzer Spektrum-Check vor dem eigentlichen Setup. Definiere akzeptable Latenz und Paketverlust für deine Anwendung, beurteile die RF-Umgebung vor Ort, plane physische Redundanzen wie Backup-Gateways oder kabelgebundene Fallbacks ein, und überprüfe regulatorische Compliance der Funkbänder.

Kabel als Backup mitnehmen. So sehr drahtlos beim Aufbau Spaß macht, beim Drehen darfst du dich auf nichts verlassen, was du nicht zur Not auch kabelgebunden anschließen kannst. Ein DMX-Kabel im Rucksack hat noch keinen Drehtag verlängert, aber schon viele gerettet.

Firmware-Updates regelmäßig einspielen. Apps wie die CRMX Toolbox erlauben Firmware-Updates, Konfiguration und Statusabfragen aller Bluetooth-CRMX-Produkte direkt vom Smartphone. Bei Aputure, Astera und LumenRadio-Geräten gilt: Update nicht erst am Drehmorgen, sondern in Ruhe abends vorher.

Fazit: was wofür
Drei klare Empfehlungen:

Für klassische EB-Drehs mit überschaubarem Lichtsetup: Bluetooth-App-Steuerung ist heute ausgereift und produktiv einsetzbar. Sidus Link, AsteraApp, Nanlite Sidus, Litepanels-App, alle haben den Sprung von Spielzeug zu Werkzeug geschafft. Wer noch nicht damit gearbeitet hat, sollte sich beim nächsten ruhigen Dreh damit anfreunden.

Für gemischte Setups mit Lampen verschiedener Hersteller: Eine Brücke wie Aputure Sidus One oder AsteraBox ist die zeitgemäße Lösung. Sie verbindet die Bluetooth-App-Welt mit dem CRMX-Standard und löst damit das Hersteller-Silo-Problem.

Für AÜ-, Studio- und Großanlagen-Setups: CRMX und kabelgebundenes DMX bleiben das Rückgrat. App-Steuerung ist nice-to-have für die Feinabstimmung einzelner Lampen, aber nicht Ersatz für ein durchdachtes Pult-Konzept.

Die ehrliche Wahrheit: Bluetooth Mesh, CRMX und kabelgebundenes DMX sind nicht Konkurrenten, sondern unterschiedliche Werkzeuge für unterschiedliche Setup-Größen. Wer alle drei beherrscht, hat 2026 die Lichtsteuerung am Drehort fest im Griff. Wer nur eines davon kennt, baut sich entweder unnötigen Stress (App-Only bei großen Setups) oder unnötigen Aufwand (klassisches Pult bei einem Vier-Lampen-Setup) ein.

Lichtsteuerung war schon immer ein Mix aus Technik und Vorbereitung. Was sich verändert hat, ist die Bandbreite der verfügbaren Werkzeuge. Was gleich geblieben ist: Wer am Set die richtige Mischung wählt, dreht entspannter.

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