Jump to content
Fernseh-Kameraleute.de

MiMa-Karussell, dritter Akt: Der MDR gibt das ARD-Mittagsmagazin nach knapp drei Jahren wieder ab


Empfohlene Beiträge

Geschrieben:

3_ARD_Mittagsmagazin_2024.jpg
Bild: MDR/Hagen Wolf

Es ist gerade einmal zweieinhalb Jahre her, da feierte der MDR den großen Coup. Im Januar 2024 zog das ARD-Mittagsmagazin vom RBB in Berlin nach Leipzig, sendete erst aus einem virtuellen Set und wenig später vor Real-Deko aus dem Studio 1 der MDR-Zentrale in Leipzig, das es sich nach weiteren Umbau-Arbeiten bis heute mit „MDR um Vier“ teilt. Mit der Übernahme verlängerte sich die Sendezeit von einer auf zwei Stunden. Der MDR baute eigens eine neue Gemeinschaftsredaktion „Tagesmagazine und Dialog“ auf, und Tino Böttcher sowie Mariama Jamanka wurden zu den neuen Gesichtern eines Formats, das sich „bundesweite Sichtbarkeit ostdeutscher Lebenswirklichkeiten“ auf die Fahnen geschrieben hatte. Jetzt, im Mai 2026, ist klar: Der MDR wird das „Mima“ schon im ersten Halbjahr 2027 wieder abgeben. Wie zuerst DWDL.de berichtete, läuft intern bereits die Übergabe-Planung an den NDR, am Donnerstag wurden die Kolleginnen und Kollegen in Leipzig informiert.

Vom BR über RBB zum MDR und jetzt zum NDR
Damit wäre der NDR innerhalb von rund zehn Jahren bereits die vierte ARD-Anstalt, die das Format produziert. Der Bayerische Rundfunk hatte das MiMa von 1989 bis 2017 verantwortet und sich aus Kostengründen verabschiedet. Der RBB übernahm 2018, schlitterte mit der Schlesinger-Affäre in seine größte Krise und gab Anfang 2024 ab. Der MDR, der intern zunächst mit rund sechs Millionen Euro pro Jahr gerechnet hatte, brachte die Produktion am Ende auf etwa drei Millionen herunter. Das ist bemerkenswert, denn der RBB hatte für etwa die gleiche Summe nur eine Sendestunde produziert, der MDR füllt zwei. Trotzdem reicht es nicht. Der Sender muss in der laufenden Beitragsperiode 160 Millionen Euro einsparen, weitere 30 Millionen kommen mindestens dazu, falls die KEF-Empfehlung von 18,64 Euro zum 1. Januar 2027 umgesetzt wird. Bleibt die Erhöhung aus, sind es sogar 60 Millionen.

Wieso der NDR? Anbindung an ARD-aktuell und Lokstedter Strukturen
Dass nun ausgerechnet der NDR übernehmen soll, ist betriebswirtschaftlich logisch. ARD-aktuell sitzt in Hamburg-Lokstedt, also Tagesschau, Tagesthemen, tagesschau.de und das, was bisher tagesschau24 hieß. Genau dieser Spartenkanal wird zum 31. Dezember 2026 eingestellt, die Inhalte fließen ab Januar 2027 in die fusionierten Sender phoenix und info. Damit werden in Lokstedt Sendekapazitäten und Personal frei, das man elegant in eine zweistündige Mittagsstrecke umlenken kann. Aus Sicht eines NDR-Strategen ist das fast schon zu schön, um wahr zu sein: Eine Nachrichtenredaktion, die ohnehin zwischen 9 und 20 Uhr durchsendet, kriegt das Mima quasi als zusätzliche Programmstrecke obendrauf, mit deutlich weniger zusätzlichem Aufwand als bei jeder anderen Anstalt. Der NDR bestätigt gegenüber DWDL.de bereits, dass derzeit Szenarien geprüft würden, unter welchen Bedingungen die Gesamtverantwortung übernommen werden kann.

Was das Aus für Leipzig bedeutet, technisch und personell
Für unsere Zunft ist das Ganze deutlich mehr als eine Schlagzeile in der Medienkolumne. Mit dem MiMa geht in Leipzig ein tägliches Live-Format verloren, das Studio-, EB- und Zuliefer-Workflows in der MDR-Zentrale über zwei Stunden bindet. Die Sendung lebt von Aktualität, also von Live-Schalten in die ARD-Studios in den Bundesländern, von EB-Beiträgen aus den Regionalmagazinen, von Aufsagern und Studio-Talks. Wandert das Format nach Hamburg, verschiebt sich diese Geographie.

Hinzu kommt: Erst am Mittwoch hatte der MDR die Belegschaft darüber informiert, dass auch „MDR um Zwei“ vor dem Aus steht, also die letzte verbliebene Live-Sendung eines ARD-Regionalsenders am frühen Nachmittag. Die Sendung kommt aus dem Landesfunkhaus in Magdeburg und gilt eigentlich als preiswert, weil sie zum Teil aus den Ländermagazinen zweitverwertet. Wenn jetzt zusätzlich das Mima in Leipzig wegfällt, bedeutet das in der Summe einen massiven Rückbau täglicher Live-Programmstrecken im Sendegebiet. Für freie Kameraleute und EB-Teams, die diese Strecken bestücken, ist das eine schlechte Nachricht in einer ohnehin angespannten Auftragslage.

Drei Millionen, zwei Stunden, kein Profit
Die Kostenseite verdient einen genaueren Blick. Drei Millionen Euro pro Jahr für eine zweistündige tägliche Live-Sendung, das ist im Bundesligavergleich öffentlich-rechtlicher Magazinproduktion ein sehr ordentlicher Wert. Der MDR hatte das geschafft, indem die Redaktion „Tagesmagazine und Dialog“ Synergien mit Brisant, dem MDR-Nachmittag und MDR aktuell genutzt hat. Beiträge aus Mediathek und Audiothek wurden ausgekoppelt und zweitverwertet, Podcast-Hosts in den Studio-Talk geholt, die Aktualität kam wie immer aus den ARD-Studios im In- und Ausland. Dass der MDR sich selbst dieses verschlankte Format nicht mehr leisten kann, sagt viel über die Tiefe des aktuellen Sparzwangs aus. Wer hier hofft, dass es in Hamburg signifikant günstiger wird, dürfte enttäuscht werden. Die Verlagerung dient vor allem der Bündelung von Strukturen, nicht zwingend einer weiteren Kostensenkung.

Die ostdeutsche Pointe
Eine politische Volte muss man dem Vorgang lassen. Der MDR hatte das Mima ausdrücklich nach Leipzig geholt, um den Senderverbund Ostdeutschland im Ersten sichtbarer zu machen. Es gab heftige Identitätsdebatten um die Frage, wie ostdeutsch die Moderation sein müsse. Wechselt die Produktion jetzt nach Hamburg-Lokstedt, ist die ostdeutsche Sichtbarkeit, mit der man 2024 angetreten ist, in dieser Form Geschichte. Und nun wird es richtig pikant: Die fehlende Beitragserhöhung, die maßgeblich zu der MDR-Lücke beiträgt, geht vor allem auf die Blockadehaltung von Sachsen und Sachsen-Anhalt zurück. Genau dort wird gleichzeitig besonders laut gefordert, ostdeutsche Perspektiven im Ersten stärker zu berücksichtigen. Die Pointe schreibt sich von selbst.

Was offen bleibt
Eine ganze Reihe Fragen ist noch unbeantwortet. Wann genau im ersten Halbjahr 2027 wechselt die Produktion? Was passiert mit den Kolleginnen und Kollegen der MDR-Redaktion „Tagesmagazine und Dialog“, die mit dem Mima eine tragende Säulen verliert? Wie viele Stellen werden im Zuge des Wegfalls von tagesschau24 in Hamburg tatsächlich frei und können in das Mima-Team überführt werden, ohne dass man am anderen Ende neue Doppelstrukturen schafft? Und nicht zuletzt: Bekommt Leipzig als Standort einen Ausgleich, oder ist das schlicht ein weiterer Schritt im Rückbau ostdeutscher Medienproduktion?

Wir bleiben dran.

Erstelle ein Benutzerkonto oder melde dich an, um dies kommentieren zu können.

Du musst ein Benutzerkonto haben, um einen Kommentar verfassen zu können.

Benutzerkonto erstellen

Neues Benutzerkonto für unsere Community erstellen. Es ist einfach!

Neues Benutzerkonto erstellen

Anmelden

Du hast bereits ein Benutzerkonto? Melde dich hier an.

Jetzt anmelden
×
×
  • Neu erstellen...

Wichtige Information

Wir platzieren auf deinem Gerät sogenannte Cookies, die Dir ein unkompliziertes Surfen auf unseren Seiten ermöglichen. Du kannst deine Cookie-Einstellungen jederzeit in deinen Browsereinstellungen einsehen und anpassen. Mit einem Klick auf "Akzeptieren" stimmst Du der Verwendung von Cookies auf unseren Seiten zu..