Jump to content
Fernseh-Kameraleute.de

Empfohlene Beiträge

Geschrieben:

Es gab eine Zeit, da hieß ein gutes Licht einfach "5600° Kelvin", und der Tag war geregelt. Heute steht im Datenblatt einer mittelgroßen LED-Bar eine Kombination aus Buchstaben, die an einen abgebrochenen Skat-Stich erinnert: RGBACL, RGBAM, RGBWW. Wer in der Disposition dann noch erklären soll, warum die neue Lampe doppelt so teuer ist wie die alte, sollte zumindest wissen, was die Buchstaben überhaupt bedeuten. Hier die ehrliche Übersicht, ohne Marketing-Sprech.

Worum es eigentlich geht: das Spektrum
Ganz kurz zur Theorie, dann nie wieder: Sonnenlicht, Glühlampe und HMI haben alle ein durchgehendes Spektrum, das heißt, sie strahlen über den gesamten sichtbaren Wellenlängen-Bereich Energie ab. Das menschliche Auge und die Kamera kennen diese Lichtquellen seit Jahrhunderten und reagieren darauf "natürlich".

LEDs machen es sich einfacher: Eine einzelne LED strahlt nur einen schmalen Wellenlängen-Bereich ab. Eine "weiße LED" ist im Grunde eine blaue LED mit einer Phosphor-Schicht, die einen Teil der Energie in andere Wellenlängen umwandelt. Das funktioniert erstaunlich gut, hat aber Lücken im Spektrum, vor allem im roten und grünen Bereich.

Genau deshalb gibt es Misch-Engines. Mehr LED-Farben gleich vollständigeres Spektrum gleich genauere Farbwiedergabe, vor allem bei Hauttönen. Das ist die Grundidee. Die Ausführung ist dann die Diskussion.

RGB: der Anfang vom Marketing
Reine RGB-Lampen mischen rotes, grünes und blaues Licht, um andere Farben zu erzeugen. In der Theorie kannst du damit jede sichtbare Farbe darstellen, in der Praxis sieht weißes Licht aus reiner RGB-Mischung aus wie aus dem Computermonitor. Die Hauttöne wirken bestenfalls digital, im schlimmsten Fall leichenblass. RGB ohne Zusatz ist im Broadcast-Bereich heute nur noch Effektbeleuchtung für bunte Akzente.

RGBW und RGBWW: der Standard der letzten Jahre
RGBW ergänzt eine weiße LED, RGBWW gleich zwei (typischerweise eine warme bei 3200° K und eine kalte bei 5600° K). Genau das hat sich in den letzten Jahren als Broadcast-Standard etabliert: Weißes Licht kommt direkt aus dem White-Channel, RGB-Anteile dienen für Farbeffekte und Feinabstimmung.

Vorteile: hohe Lichtausbeute, ordentliche Farbwiedergabe, vergleichsweise günstig. Aputure LS 300X, Litepanels Astra, viele Nanlite-Lampen, all das ist RGBW oder RGBWW.

Nachteil: Bei farbigem Licht (etwa für Effekt-Hintergrundbeleuchtung) ist die Sättigung begrenzt. Wer einmal versucht hat, mit einer reinen RGBW-Lampe ein sattes Gelb oder ein klares Cyan zu mischen, kennt das Problem: Die Farbe wirkt blass, weil das weiße Licht den Mix verdünnt.

RGBAM: der Mittelweg
RGBAM steht für Red, Green, Blue, Amber, Mint. Genau diese Kombination steckt in den Astera Titan Tubes (seit Jahren der Forum-Klassiker für mobile Bars) und seit vorgestern auch in der neu vorgestellten ARRI Omnibar mit CRI 98 bei 5600° K und TLCI 98, einem Color-Temperatur-Bereich von 1700° K bis 20.000° K.

Was bringt der Zusatz? Amber (orange-gelb) füllt eine Lücke im warmen Spektralbereich, die mit reinem RGB schwer zu erreichen ist. Mint (gelb-grün) hilft bei der Hautton-Wiedergabe, weil genau dieser Bereich vom menschlichen Auge besonders empfindlich wahrgenommen wird.

In der Praxis bedeutet das: spürbar bessere Hauttöne, sauberere warme Farbtemperaturen unter 3000° K, sattere Pastellfarben. Dafür weniger Helligkeit als reine RGBW-Engines, weil zusätzliche Farbkanäle Effizienz kosten.

RGBACL: die Königsklasse mit Sternchen
RGBACL ergänzt das RGB-Triplet um Amber, Cyan und Lime. Sechs LED-Farben, kein weißer Kanal mehr. Weißes Licht entsteht ausschließlich durch Mischung aller sechs Farben. In der ARRI SkyPanel X läuft das System bei einer CCT-Spanne von 1500° bis 20.000° K, mit CRI 99 und TLCI 93. ARRI selbst nennt es "die beste Farbwissenschaft des aktuellen ARRI-Lighting-Portfolios mit verbesserten Hauttönen und tiefer Farbwiedergabe".

Andere Hersteller mit RGBACL: Kelvin Epos 600, Prolycht Orion 300 FS, Aputure Nova-Serie. Das Versprechen ist immer ähnlich: maximale Farbsättigung, maximale Hautton-Genauigkeit, größter CCT-Bereich.

Jetzt der ehrliche Teil. RGBACL ist nicht automatisch besser. Eine Diskussion auf Personal-View-Talks von einem NAB-Besucher mit Spektrometer hat gezeigt, dass der praktische Vorteil von RGBACL gegenüber RGBWW vor allem in der Farbsättigung einiger weniger Farben liegt. Die Verbesserung kommt direkt zu Lasten der Lichtausbeute, weil das Phosphor-basierte Licht der blauen Diode die höchste Effizienz aller LED-Typen hat. Mit anderen Worten: Wer RGBACL kauft, zahlt mit Helligkeit für Sättigung. Bei mittelmäßiger Diodenauswahl kann eine RGBWW-Lampe sogar das bessere Spektrum (besseren SSI-Wert, dazu gleich mehr) liefern.

Praktisch gesprochen: RGBACL ist sinnvoll für Drehs, bei denen Farbsättigung wichtiger ist als reine Helligkeit (Studio-Drama, kontrollierte Sets, definierte Lichtstimmungen). Für klassische EB-Reportagen oder hellen Tageslicht-Mix ist RGBWW oft die ehrlichere Wahl.

Wie misst man das eigentlich? CRI, TLCI, SSI
Damit wir vergleichen können, gibt es verschiedene Bewertungssysteme:
 

  • CRI (Color Rendering Index): Der älteste und bekannteste Wert, ursprünglich für die Allgemeinbeleuchtung entwickelt. Wertebereich 0 bis 100. Ein CRI über 95 gilt als sehr gut. Schwäche: Misst die Farbwiedergabe nur an acht Standardfarben, deckt das Spektrum nicht vollständig ab.
  • TLCI (Television Lighting Consistency Index): Speziell für TV und Kamera-Anwendungen entwickelt. Bewertet, wie sauber eine Lampe von der Kamera erfasst wird. Für Theater- und On-Camera-Anwendungen sollten Werte von TLCI 90 oder CRI 90 als Mindestanforderung gelten.
  • SSI (Spectral Similarity Index): Der modernste und ehrlichste Wert. Vergleicht das tatsächliche Spektrum einer Lichtquelle mit einer Referenz (zum Beispiel Tageslicht oder Glühlampe). Werte unter 80 zeigen deutliche Spektrum-Lücken. Profi-Lichtgeräte wie ARRI Orbiter, Aputure Nova oder Litepanels Gemini speichern interne Spektraldaten, um die Genauigkeit auch bei wechselnden Farbtemperaturen oder digitalen Gel-Filtern zu erhalten.


Praktischer Tipp für die Geräteauswahl: CRI und TLCI stehen auf jedem Datenblatt, SSI nur bei den ehrlichen Herstellern. Wer nur CRI angibt, hat oft was zu verbergen.

Was das für den Berufsalltag bedeutet
Drei praktische Empfehlungen:

Wer Hauttöne ernst nimmt, sollte mindestens RGBW mit ordentlich kalibriertem Weißkanal kaufen. RGBW von Markenherstellern (Aputure, Litepanels, Nanlite Forza, ARRI L-Series) liefert in 95 Prozent der EB- und Studio-Anwendungen exzellente Ergebnisse. Mehr Farben sind nice, aber nicht zwingend.

Wer regelmäßig farbige Effekte oder Hintergrund-Wash-Beleuchtung mischt, profitiert von RGBAM oder RGBACL. Astera Titan Tubes als RGBAM-Klassiker, Kelvin Epos oder ARRI SkyPanel X als RGBACL-Vertreter. Die zusätzliche Sättigung ist sichtbar, vor allem bei warmen und gelblichen Farbtönen.

Wer maximale Helligkeit auf Kosten von Sättigung braucht, bleibt bei RGBWW. Klassischer Anwendungsfall: helle Tageslicht-Aufnahmen mit zusätzlichem Fülllicht. Hier ist die Lichtausbeute wichtiger als die letzte Farbnuance.

Und ehrlich noch ein letzter Punkt: Diodenqualität schlägt Engine-Komplexität. Eine billige RGBACL-Lampe kann ein schlechteres Spektrum haben als eine hochwertige RGBWW-Lampe. Wer in Markenqualität investiert, fährt fast immer besser, egal welche Buchstabenkombination im Datenblatt steht. Das Geheimnis der guten Lampe liegt nicht in der Farbenanzahl, sondern in der Auswahl jeder einzelnen LED.

Wenn du also das nächste Mal im Verleih oder bei der Kaufberatung stehst, frag nicht: "Hat die Lampe RGBACL?" Frag: "Wie sind CRI, TLCI und SSI bei 3200° und 5600° Kelvin?" Wenn der Verkäufer keine Antwort hat, weißt du Bescheid.

Erstelle ein Benutzerkonto oder melde dich an, um dies kommentieren zu können.

Du musst ein Benutzerkonto haben, um einen Kommentar verfassen zu können.

Benutzerkonto erstellen

Neues Benutzerkonto für unsere Community erstellen. Es ist einfach!

Neues Benutzerkonto erstellen

Anmelden

Du hast bereits ein Benutzerkonto? Melde dich hier an.

Jetzt anmelden
×
×
  • Neu erstellen...

Wichtige Information

Wir platzieren auf deinem Gerät sogenannte Cookies, die Dir ein unkompliziertes Surfen auf unseren Seiten ermöglichen. Du kannst deine Cookie-Einstellungen jederzeit in deinen Browsereinstellungen einsehen und anpassen. Mit einem Klick auf "Akzeptieren" stimmst Du der Verwendung von Cookies auf unseren Seiten zu..