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Wenn die KI unsere Speicherkarten frisst: Was die globale NAND-Knappheit für den EB-Alltag bedeutet


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Es gibt Branchennachrichten, die klingen erst einmal nach IT-Abteilung und Rechenzentrum - und gehen uns scheinbar nichts an. Die globale Speicherchip-Knappheit ist genau so eine Nachricht. Bis man genauer hinschaut. Denn am Ende der Lieferkette stehen nicht nur Server-Racks bei Microsoft und Google, sondern auch die CFexpress-Karte in unserem Camcorder, die SDXC im Slot und die SSD im externen Recorder. Und die werden gerade teuer. Richtig teuer.

Wer es plastisch braucht: Sony hat Ende März 2026 den Verkauf nahezu seiner kompletten Speicherkarten-Palette ausgesetzt - CFexpress Type A, Type B und SDXC, über alle Kapazitäten hinweg, ohne Termin für eine Wiederaufnahme. Ein großer Hersteller von Aufnahmemedien zieht nicht die Preise an, sondern nimmt die Produkte ganz aus dem Markt. Das ist kein Marketing-Manöver, das ist ein Symptom.
 

Was eigentlich passiert

Der Kern ist schnell erzählt, und er hat erstaunlich wenig mit unserer Branche zu tun. Die Nachfrage nach Speicher für KI-Rechenzentren ist explodiert. Die drei großen Hersteller - Samsung, SK Hynix und Micron - kontrollieren zusammen den Löwenanteil der weltweiten DRAM- und NAND-Produktion, und sie schichten ihre Fertigung massiv in Richtung High Bandwidth Memory (HBM) um. HBM ist der Speichertyp, der neben den KI-Beschleunigern sitzt, und er bringt pro Wafer ein Vielfaches der Marge von normalem Consumer-Speicher.
 

Der entscheidende Punkt, warum das die gesamte Lieferkette austrocknet: HBM frisst Kapazität überproportional. Micron hat ein Umrechnungsverhältnis von etwa drei zu eins genannt - jeder Wafer, der in HBM wandert, kostet ungefähr die dreifache Kapazität an normalem DDR5. Jede HBM-Linie, die hochgefahren wird, presst also die allgemeine Speicherversorgung zusammen. Dazu kommen die Hyperscaler, die bei den Herstellern offene Bestellungen platziert haben - sinngemäß: "Wir nehmen alles, was ihr habt, egal zu welchem Preis." Wenn solche Kunden am Tisch sitzen, bleibt für alle anderen nur die Restmenge.
 

Die Folge ist keine klassische zyklische Delle, wie wir sie aus der Vergangenheit kennen, wo nach ein, zwei Quartalen wieder Entspannung kam. SK Hynix hat schon im Oktober 2025 gemeldet, dass die Kapazitäten für 2026 praktisch ausverkauft sind. Micron hat sich aus dem Consumer-Speichergeschäft ganz zurückgezogen und fährt die Hausmarke Crucial herunter. Mehrere Hersteller haben ihre Preislisten für 2026 zeitweise komplett ausgesetzt - niemand verkauft heute zu einem Preis, der morgen 30 Prozent höher liegen könnte. Aus Sicht der Hersteller ist das rational. Aus unserer Sicht fühlt es sich an, als wäre man vom Markt ausgesperrt.
 

Warum genau uns das trifft

NAND-Flash ist der Rohstoff, aus dem CFexpress, SDXC und portable SSD gefertigt werden. Es gibt keine Ausweichroute. Wenn der NAND-Pool knapp wird, konkurrieren unsere Karten mit Enterprise-SSDs für Rechenzentren um dieselben Chips - und in diesem Wettbewerb verlieren sie regelmäßig, weil die Marge auf der anderen Seite einfach höher ist.
 

Erschwerend kommt hinzu, dass Kameramedien kein Allerweltsspeicher sind. CFexpress und schnelle SD-Karten brauchen höherwertigen Flash mit strengeren Anforderungen an Temperatur und Schreibfestigkeit - die Karte muss bei Dauerlast im Sommer in der prallen Sonne genauso zuverlässig schreiben wie im Studio. Genau diese hochwertigen NAND-Lagen sind im Engpass besonders umkämpft. Dazu kommt, dass viele Karten noch auf etablierten Speicherdichten basieren, deren Fertigungslinien gerade stillgelegt werden, um Platz für profitablere Produkte zu schaffen. Wenn eine solche Linie schließt, schrumpft das Angebot nicht nur - es verschwindet.
 

Die Zahlen, soweit man ihnen trauen kann

Ein paar Eckwerte, mit der ausdrücklichen Vorwarnung, dass sie volatil sind und sich je nach Region und Woche unterscheiden:

Bei Vertragspreisen für DDR5 hat sich der Preis seit Sommer 2025 mehr als verdoppelt. Samsung hob den Listenpreis für ein 32-GB-DDR5-Modul von rund 149 auf 239 US-Dollar an - in einem einzigen Schritt. Bei NAND-Flash projizierten die Marktbeobachter für das erste Quartal 2026 Steigerungen der Vertragspreise von etwa 33 bis 38 Prozent gegenüber dem Vorquartal, für das zweite Quartal noch einmal 70 bis 75 Prozent obendrauf. NAND wuchs damit erstmals in diesem Zyklus schneller im Preis als DRAM.
 

Bei den Endprodukten ist es konkret. Eine 1-TB-Consumer-SSD, die Mitte 2025 noch um die 45 Dollar kostete, lag Anfang 2026 bei knapp 90. Eine 128-GB-SD-Karte, Anfang 2025 für 25 bis 30 Dollar zu haben, steuert auf 50 bis 60 zu. Bei CFexpress Type B sind die Sprünge noch heftiger, weil diese Karten mehr NAND pro Stück verbauen und der Markt kleiner und spezialisierter ist - etliche Modelle haben sich seit Ende 2025 schlicht verdoppelt.
 

Noch näher an unserem Alltag liegt die CFexpress Type A. Genau die Sony-CEA-G-Serie, die in der FX6 und FX9 steckt, kam im Sommer 2025 mit klaren Preisen auf den Markt - die 480-GB-Karte für rund 360, die 960-GB-Variante für knapp 585 US-Dollar. Ein Dreivierteljahr später hat Sony in Japan den Verkauf genau dieser CEA-G-Karten ausgesetzt, und bei den Händlern gilt: solange der Vorrat reicht, danach zu Preisen, die niemand mehr garantieren mag. Eine Karte, die gestern noch selbstverständlicher Verbrauchsartikel war, ist über Nacht zur Mangelware geworden.
 

Genau hier lohnt der nüchterne Blick: Ein Teil dieser Sprunghaftigkeit ist echter Mangel, ein Teil ist künstlich erzeugte Knappheit und Panikkäuferei. Beides verstärkt sich gegenseitig. Wer als Börsianer auf solche Muster schaut, kennt das Spiel: Sobald alle gleichzeitig horten, um sich gegen künftige Engpässe abzusichern, wird der Engpass erst recht zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.
 

Der EB-Bezug, konkret

Jetzt könnte man sagen: schön und gut, aber das sind Fotografen-Sorgen. Ist es nicht. Schauen wir auf das, was bei uns täglich im Slot steckt.
 

Die aktuelle Generation an Schultercamcordern und "Henkelmännern" für EB setzt zunehmend auf CFexpress Type A oder schnelle SD-Karten der V90-Klasse. Wer mit den gängigen Sony-Modellen unterwegs ist, kennt die CFexpress Type A nur zu gut - und ausgerechnet die ist von Sonys Verkaufsstopp mit betroffen. Andere Broadcast-Mühlen nehmen CFexpress Type B, dieselbe Karte, die auch in den großen Spiegellosen von Canon, Nikon und Co. steckt - das heißt, wir konkurrieren beim Einkauf direkt mit dem gesamten Fotomarkt um identische Ware.
 

Dann die externen Recorder: Wer auf Dreh auf SSD aufzeichnet, ob für ProRes-Backup oder als Hauptmedium, kauft genau die portablen Laufwerke, deren Preise sich gerade verdoppeln. Und am Ende der Kette steht der Ingest - die Schnittplätze, Schnittassistenzen und Server-Speicher in der Postproduktion sitzen im selben Boot, denn auch dort steigen die Kosten für RAM und Massenspeicher spürbar.
 

Für uns als freie EB-Kollegen heißt das ganz praktisch: Die Kartentasche ist ein Posten, der bisher kaum der Rede wert war, und der sich gerade verteuert. Wer mehrere Karten in Rotation fährt - und das sollte jeder, der sauber arbeitet - merkt das beim nächsten Nachkauf direkt im Geldbeutel. Und wer für eine größere Produktion oder einen längeren Dreh am Stück Medien beschaffen muss, sollte das nicht mehr auf den letzten Drücker erledigen.
 

Wie lange das dauert

Hier ist die unangenehme Wahrheit: Mit schneller Entspannung ist nicht zu rechnen. Neue Fertigungskapazität braucht 18 bis 24 Monate, bis sie in nennenswertem Umfang produziert. Selbst die geplanten neuen Chipfabriken (Fabs) von Samsung, SK Hynix, Micron und Kioxia sollen nach Einschätzung der Analysten erst Ende 2027 oder 2028 wirklich Volumen liefern. Bis dahin bleibt der Markt strukturell zu knapp. Manche Stimmen in der Branche - etwa von Speichercontroller-Herstellern - reden bereits von einem Superzyklus statt von einer kurzen Spitze.
 

Der einzige echte Wildcard-Faktor ist China. Chinesische Hersteller wie YMTC bei NAND und CXMT bei DRAM bauen ihre Kapazitäten aus und könnten mittelfristig einen alternativen Versorgungskanal für preissensible Käufer eröffnen. Beide hängen allerdings an Exportkontrollen für modernste Fertigungstechnik, was den Anschluss an die Spitze erschwert. Kurzfristig wird uns das nicht retten.
 

Was man jetzt sinnvoll tun kann

Kein Grund zur Panik, aber ein Grund, mitzudenken. Ein paar nüchterne Überlegungen:

Wer ohnehin weiß, dass im nächsten halben Jahr neue Karten oder eine zusätzliche Recorder-SSD fällig werden, fährt mit einem Kauf jetzt vermutlich günstiger als mit Warten. Das ist keine Spekulation auf steigende Preise, sondern schlichte Vorratshaltung für absehbaren Eigenbedarf. Gleichzeitig gilt: nicht in Hortpanik verfallen. Karten altern, und Geld, das in einem Stapel ungenutzter Medien liegt, fehlt anderswo.
 

Wichtiger wird das Thema Fälschungen. Immer wenn echte Knappheit auf hohe Preise trifft, schwemmt es gefälschte Karten in den Markt - umgelabelte Kapazitäten, untergejubelte Billigware mit aufgedrucktem Markennamen. Das war schon bei SD-Karten ein Dauerthema und wird bei CFexpress zu Preisen jenseits der 200 Euro nicht besser. Also: bei seriösen Händlern kaufen, nicht beim günstigsten Marktplatz-Angebot mit Fantasiepreis, und neue Karten vor dem ersten Ernsteinsatz auf echte Kapazität und Schreibrate prüfen.
 

Für Produktionen lohnt es sich, Medienbedarf früher im Produktionskalender zu planen statt kurzfristig. Und wer für einen Sender oder eine Produktionsfirma im Festeinkauf oder in der Disposition mitredet, sollte das Thema dort aktiv ansprechen - die Budgetposten für Verbrauchsmedien sind mancherorts seit Jahren nicht angepasst worden und treffen 2026 auf eine völlig neue Preisrealität.
 

Einordnung

Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist, wie weit der Hebel reicht. Eine Entwicklung, die mit dem Bau von KI-Rechenzentren auf einem ganz anderen Kontinent beginnt, landet am Ende in unserer Kartentasche und auf der Rechnung für den nächsten Dreh. Die Aufnahmemedien, die für uns über Jahre selbstverständlicher und tendenziell immer günstigerer Verbrauchsstoff waren, werden 2026 zu einem Posten, den man im Auge behalten muss - bei Preis und bei Verfügbarkeit.
 

Es ist kein Weltuntergang. Die Karten verschwinden nicht komplett aus den Regalen, sie werden teurer und phasenweise schlechter lieferbar. Aber es ist ein guter Anlass, die eigene Beschaffung einmal durchzudenken, statt erst am Drehtag festzustellen, dass die Wunschkarte gerade das Doppelte kostet oder gar nicht zu bekommen ist.
 

Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr beim letzten Kartenkauf schon spürbar mehr gezahlt, oder gar Lieferschwierigkeiten gehabt? Und wie geht ihr in euren Produktionen damit um - vorsorglich bevorraten oder erst mal abwarten?

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